Pressemitteilung der FLZ vom 8.7.2013

5 Sep

Zeitgenössische Kunst im zeitlosen Preuntsfelden

Hilla Steinerts Performance verbindet die Vergangenheit der alten Schule mit der Gegenwart -08.07.2013 11:25 Uhr

Preuntsfelden  – So etwas ist dieser Dorfidylle wohl noch nicht geschehen. Eine Woche quartierte sich zeitgenössische Kunst bei ihr ein. Eine Provokation? Durchaus – allerdings eine in liebevoller Zuwendung.

Hilla Steinerts Performance wirft viele Fragen auf: Wie sind Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden? Was hält die Dörfer zusammen?

FLZ Foto

Foto: hd

Immerhin wurde Hilla Steinert, Künstlerin aus Berlin, in Preuntsfelden geboren. Sie lebte zwar nur ein paar Jahre dort, verlor aber nie den Kontakt zum Dorf ihrer frühen Kindheit. Die 80-Seelen-Ortschaft nahe Windelsbach gibt ein gemütliches Bild ab. Der Löschweiher ist dank Fernwasseranschluss heute mehr denn je ­Zierde. Die Dorfmitte mit ihrem Spielplatz, den Bänken, der ehrenamtlich betonierten Tischtennisplatte zeugt von Gemeinschaftsgeist. Viele der Gehöfte sind herausgeputzt.

Ein Haus allerdings liegt allen etwas im Magen: die alte Schule. Man nutzt Teile davon noch für den Kindergottesdienst, als Landjugendtreff oder als Ausweichquartier für Posaunenchorproben. Das Zimmer im ers­ten Stock ist wohnlich. Der Ofen macht schön warm. Leider aber wirkt der Rest der drei Stockwerke so marode, dass die meisten im Ort für einen Abriss und einen niedrigeren Neubau an gleicher Stelle sind.

Für Hilla Steinert ist das Haus vor allem ein spannender Ort. Als Performance-Künstlerin, die mit Zeit und Bewegung arbeitet, trifft sie dort auf Räume, in denen eben die Zeit stehen geblieben scheint. Sie wurde hier geboren und wohnte als Tochter des damaligen Dorfschullehrers ein paar Jahre in dem Haus. Ihr Vater, Tilmann Steinert, reiste eigens von Oberstdorf nach Preuntsfelden an. Er hatte hier seine erste Stelle und erinnert sich noch genau an die Zeit, als Schüler aller acht Volksschuljahrgänge gemeinsam unterrichtet wurden. Dort, wo Hilla Steinert im Jahre 1959 im alten Schulhaus das Licht der Welt erblickte, ist pikanterweise heute die Aussegnungshalle.

Hilla Steinert ist selbst Teil ihres Kunstwerkes

Zur poetischen Idee ihres Werkes könnte das kaum besser passen, gehören doch der Rhythmus des Lebens, Geburt und Tod zu ihren zentralen Themen. Die ausgebildete Bewegungstherapeutin hat hierzulande und in der Fremde, unter anderem bei der experimentellen US-Choreographin Deborah Hay Inspirationen erfahren und widmet sich als freie Kreative dem Tanz und der Performance. Bei dieser Kunstform steht die Handlung im Zentrum. Die Künst­lerin oder der Künstler werden selbst Teil des Werkes. Die Performance provoziere Aussage, indem sie in Frage stelle, indem sie eine neue Perspektive öffne, verblüffe oder schockiere, beschreibt es Hilla Steinert.

Das Preuntsfeldener Projekt geht sie zusammen mit Simona Koch aus Neustadt/Aisch an, die voriges Jahr mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet wurde. Der Nürnberger Künstler Winfried Baumann unterstützt die Aktion. Zwei seiner Wohnsysteme für Obdachlose boten den Künstlerinnen auf dem Dorfplatz Unterkunft. Sein stringentes und überaus komplexes Werk sei an der Schnittstelle von Kunst, Architektur und Design angesiedelt, heißt es über ihn. Seine Marke „urban nomads“ lieferte auch das Stichwort. „Als zeitgenössische Nomaden begeben wir uns in diese andere Welt und schlagen unser Camp auf dem Dorfplatz auf“, sagen die Künstlerinnen.

Im Internet zu verfolgen ist die Aktion über einen Link auf der Homepage der Künstlerin. Die Dorfbewohner reagierten mit Interesse und Herzlichkeit. Dass sie Teil eines Kunstprojektes sind, nahmen sie gelassen. Schnell waren am Sonntag ein paar Garnituren Tische und Bänke zum gemütlichen Stelldichein bei Kaffee und Kuchen neben den Wohncontainern aufgebaut. Bürgermeister Alfred Wolz hatte den Nachmittag arrangiert und freute sich über die rege Resonanz. Auch er zählt zu den Generationen, die noch die Dorfschule besuchten. So saß man zusammen, redete und ging ins alte Schulhaus, kramte nach Erinnerungen und besah die Kunst darinnen.

Rückwärts abgespultes Video und zeitversetzte “Live”-Darbietung

Für Simona Koch und Hilla Steinert dürfte es einiges zu dokumentieren geben über die Wirkung der Anwesenheit der, wie sie sich selbst nennen, „Anderen“ auf das 100-Seelen-Dorf. In der einstigen Küche des Schulhauses (heute ein leerer Raum mit blätterndem Putz) sowie eine Etage darüber in der einstigen Lehrmittelkammer hatte Hilla Steinert zwei ihrer Videos an die Wand projiziert. Das eine besteht aus Bildern unter anderem von Meereswogen und Höhlen. Das andere zeigt sie, wie sie auf dem Dachboden ihres Berliner Hauses einen Ball aus Stoffband aufrollt. Den gleichen Vorgang vollführte sie als zeitversetzte „Live“-Darbietung zum Film. Dabei spult dieser die Handlung rückwärts ab. So entsteht eine vielschichtige, provozierende, bisweilen irritierende Komposition.

Auch in dem von ihr geliebten Mansardenzimmer mit seiner friedlichen Atmosphäre und dem Blick auf Gräber und Kirche wurde die Künstlerin selbst zur Protagonistin. Dort saß sie auf einem alten Holzstuhl wie eine Figur aus einem Märchen und flechtete Taue aus Preuntsfeldener Gras. Dabei konnte sich der Betrachter auf den Stuhl ihr gegenüber setzen. Einige taten es und erzählten von früher. Andere nahmen das obere Stockwerk erstmals überhaupt bewusst war. Es ist eine der Wirkungen, auf die Hilla Steinert und Simona Koch mit ihrer Kunstaktion abzielen.

Es geht um die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, aber auch um konkrete Fragen. Was hält Dörfer zusammen? Wie überleben sie in der heutigen Welt? Es seien Gefühle des Archaischen, des Ursprünglichen, die sie mit dem Haus verbinde, sagt Hilla Steinert. Mit Bewertungen will sie diese „ersten Erlebnisräume“, wie sie sie nennt, nicht aufladen. Sie nimmt sie einfach, wie sie sind, als einen Daseinszustand, so wie die Wellen in ihrer Video-Installation kommen und gehen.

hd

 

Post aus Preuntsfelden

2 Jul

…heute Nachmittag kam nochmal ” ein Anderer” nach Preuntsfelden. Er sass, wie auf dem Bild zu sehen 15 min. auf dem Dach der Scheune von Hertlein`s.

viele Grüsse von den Ströbel`s

Storch

Fritz

2 Jul

Was hält die Gemeinschaft zusammen und was braucht sie?

Dieser unserer eingangs gestellten Frage möchte ich gerne etwas hinzufügen:

Es geht nicht nur darum, was die Gemeinschaft braucht und was sie zusammen hält. Es geht auch darum, was sie hervor bringt und eine intakte Gemeinschaft auszeichnet.

In Preuntsfelden lebt ein alter Mann, der Wirt des seit langem geschlossen Wirtshauses.Fritz1 Er lebt alleine in diesem Haus in der Mitte des Dorfes. So gut er kann versorgt er sich selbst, seine Hühner und Pflanzen und macht auch Heu, das er nach alter Weise aufbockt.Fritz HühnerJeder kennt ihn und alle versorgen ihn mit. Sei es das tägliche Mittagessen, die Post, der Einkauf, Arztbesuche oder das Besorgen seiner Medikamente. Das hat uns sehr berührt, denn davon wurde uns mit der grössten Selbstverständlichkeit berichtet. Wir, die Anderen, aus der Stadt aber wissen, dass das alles andere ist als selbstverständlich.

Zu Beginn unseres Aufenthaltes schien uns Fritz zu ignorieren.
Doch dann, am vorletzten Tag, hob er im vorbei gehen grüssend die Hand. Dann kam ich mit ihm ins Gespräch und am nächsten Tag, kurz vor der Abfahrt, liess er sich gerne von mir fotografieren.Fritz2

 

Dank

2 Jul

AbfahrtDie alte Ordnung ist wieder hergestellt, der letzte Instant-Housing Trailer abgeholt. Nur die Blumen stehen noch auf dem Tisch. Sie werden wohl noch eine kleine Weile an unsere Anwesenheit hier erinnern.

BlumenVielen Dank an alle Preuntsfeldner, die uns so herzlich aufgenommen und Einblick in ihr Leben gewährt haben. Vielen Dank für das sich Einlassen, all die Versorgung, die Organisation des Festes, die Leihgaben, die praktische Hilfe, die Geschenke, die Gespräche und Begegnungen jeglicher Art, die Fragen und das grossartige Mitmachen von allen, die da gewesen waren.

EinwohnerDank an Manuela, die uns mit Strom und frischen Brötchen versorgte und, als es gar zu verregnet und kalt draussen war, zum Frühstück in ihre Küche einlud. Sie war uns, den Anderen, mit ihrer steten Heiterkeit eine wunderbare temporäre Nachbarin.

Lukas und Kerstin, die bei der Betreuung der Gäste halfen und mit denen wir gerne noch mehr Zeit verbracht hätten, wie auch mit all den anderen Kindern und Jugendlichen im Dorf.

Lea und ihren Tanzpartner für den Tanz im Mondschein um den Dorfplatz, von dem es leider keine Aufnahme gibt.

Fabian für die Computerausdrucke.

Jürgen für die Einrichtung der Internetstation.

Familie Ströbel für die Hängematte und ihre Offenheit.

Marianne für all die kleinen Gaben, die auf dem Tisch auf dem Dorfplatz landeten, für die Milch jeden Morgen und für die wunderbare Esseneinladung.

Gerhard für seine rege Anteilnahme und beiden für das Interview.

Günther für die Leihgabe der Badewanne, in der er einst selbst gebadet hat.

Alfred Wolz, den Bürgermeister, für seine Unterstützung zur Verwirklichung unseres Projektes.

Seiner Frau Ruth für das ausgezeichnete und so liebevolle Mittagessen auf dem Dorfplatz.

Nina und Martin für ihre Leihgaben, die tatkräftige Unterstützung, die Duschgelegenheit und die Vespereinladung.

Waltraud und Günther für ihre Freundschaft, ihre stets offene Tür, die Bewirtung selbst unserer Gäste und das zur Verfügung stellen aller möglichen Kleinigkeiten.

Gudrun und ihre Eltern, die uns zum Essen einluden. Ein “arme Leute Essen”, wie Gudrun sagte. Darüber freuten wir uns besonders, denn 1. schmeckte es ausgezeichnet und 2. spiegelte es einen sehr sympathischen und authentischen Wesenszug dieses Dorfes wieder: der Reichtum von Preuntsfelden liegt in der Anerkennung und Nutzung der eigenen Ressourcen, die auch auf den Tisch kommen.

Ihren Eltern für das Interview und die Führung durch Haus und Hof.

Elke für ihre Gaben, allesamt in Preuntsfelden entstanden. Zum Abschied brachte sie uns noch zwei Laib frisch gebackenes Brot.Abschiedsgeschenk
All jenen, die kamen, Fragen stellten und kommentierten. Durch sie reflektierten sich unsere Arbeiten. Ich lernte: Kunst bedarf in bestimmten Zusammenhängen der Erklärung, damit sie verstanden werden kann und freute mich besonders über den Wunsch verstehen zu wollen.

Der Kaba-Kuh für die Milch.

Und Günther für seine grossartige Mitwirkung bei der Performance Pediküre 2 und die letzte Runde auf dem Geräteträger um den Dorfplatz.

Image

Resteverwertung

2 Jul

Resteverwertung

29 Jun

01020304050607080910111213

29 Jun

_MG_1537_MG_1538_MG_1541 2_MG_1548_MG_1550_MG_1805_MG_1817